Saturday, 15 October 2016

Foto-Reisebericht Meraner Höhenweg im Oktober 2016

Der Meraner Höhenweg ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr; allen voran zur Hauptsaison sind die Pfade an den Hängen rund um die Texelgruppe intensiv bevölkert.
Nichtsdestotrotz bietet der Rundweg, der von den Südtiroler Marketing-Abteilungen mit 5 bis 8 Tagen Laufzeit beworben wird, im Speziellen in der Nebensaison besondere Einblicke in die Natur Norditaliens: Aufgrund der abwechslungsreichen Charakteristik der einzelnen Abschnitte wird der Wanderer auf den einzelnen Etappen teilweise komplett unterschiedlich gefordert. Mit einer Umwelt im Umbruch zwischen den Jahreszeiten ist dieses Erlebnis in der Art intensiv, dass wir das Erlebte gern mit Interessierten in Form eines fotolastigen Reiseberichts teilen möchten (Zum Vergrößern der Bilder bitte auf die Vorschau klicken).

Wir entscheiden uns relativ kurzfristig - erst vier Wochen vor dem geplanten Termin Anfang Oktober 2016 - den einwöchigen Urlaub im Herbst dem Meraner Höhenweg zu widmen. Gedankenanstoß bilden mehrere Artikel in der ZEIT über Extrembergsteiger Kammerlander, der die gesamte Runde ein Mal im Jahr mit zahlungskräftigen Begleitern in zusammenhängenden 48 bzw. mittlerweile sogar nur noch 36 Stunden meistert - Der Weg ist mit 33 h Laufzeit netto ausgeschrieben. Nach Rücksprache mit Familie und Bekannten, die Abschnitte der Strecke sehr gut kennen und jede Menge wertvolle Ratschläge parat haben, treffen wir den Beschluss, den Höhenweg trotz der nicht zu 100% vorhersehbaren Wetterlage anzugehen. Wir entscheiden uns für 6 Tage auf dem bekannten Wanderweg mit der Nummer 24; dies sei gemäß Internetrecherche ein guter Mittelweg zwischen Anspruch und nicht zu viel Stress im oberen Bereich der Strecke. 

Die Reservierungen laufen spielerisch per Telefon. Es scheint nichts mehr los zu sein in Südtirol; das lässt auf freie Wege hoffen. Wir planen die Streckensegmente für das Garmin Kartengerät, schreiben Packlisten und überlegen uns, welche leckeren Dinge wir uns mittags und abends als Belohnung genehmigen werden. Während sich die Wetterprognose als wechselhaft verfestigt, verfliegen die Wochen bis zum Urlaub.

Wir reisen am 08.10.2016 per Auto aus Südwestdeutschland an. Wir kennen den obligatorischen Bettenwechsel an Samstagen, hätten uns diesen jedoch so spät im Jahr - eigentlich quasi zwischen Sommer- und Wintersaison - nicht so wahrnehmbar vorgestellt. Vom Reschenpass aus bis Dorf Tirol tuckern wir fast zwei Stunden in einer riesigen Kollone von Baustelle zu Baustelle. Der geplante Kurzstop in Meran fällt somit einem entspannten Aufstieg zum Ausgangspunkt der Tour zum Opfer; was soll's: Im Urlaub ist alles besser als ein stressiger Start. 


Etappe 0: Hochmut Talstation nach Talbaur (Samstag, 08.10.2016)

GPS Statistik: 3,7 km / 1:08 h
GPS Statistik: 632 hm

Wir ziehen uns gegen 16:30 Uhr an der Talstation Hochmut um, wo wir auch das Auto gegen eine Gebühr von täglich 4 Euro in die Hände eines netten Bahnmitarbeiters übergeben. Hier scheinen wir schon von der Nebensaison zu profitieren; 7 Euro sind offiziell angeschlagen. Vor uns liegt gemäß Aussage auf der Website der ersten Unterkunft ein kurzer knackiger Aufstieg von 1:10 h zum Einrollen, bevor es am Folgetag wirklich losgehen wird. Die Übernachtung am Ende der - wir nennen sie mal 0. Etappe - ist im Berggasthof Talbaur geplant. (Es scheint mehrere Schreibweisen für den Namen zu geben; wir haben an Schildern u.a. auch Thalbauer und Talbauer gelesen.) 







Die Nacht verläuft äußerst ruhig; lediglich das eine oder andere Tiergeräusch ist wahrzunehmen. Sowohl der Aufstieg zu Fuß als auch die Pension sind uneingeschränkt zu empfehlen. Der große Hof stellt sich als tolle Unterkunft mit gutem, handfestem Essen heraus. Wir haben Glück: Trotz der Tatsache, dass ganze 2(!) weitere Gäste mit uns in der Pension nächtigen, werden wir nur zu zweit im Mehrbettzimmer untergebracht. Von hier oben aus genießen wir einen fantastischen Blick über das Etschtal nach Süden.



Etappe 1: Talbaur nach Giggelberg (Sonntag, 09.10.2016)

GPS Statistik: 28,8 km / 7:09 h
GPS Statistik: 1502 hm

Nach einem südtiroltypischen Frühstück (Vinschgauer und helle Brötchen, Kaffee / Tee, Butter, Speck, Käse, selbstgemachte Marmelade) starten wir unsere Runde auf der 24 gegen den Uhrzeigersinn gen Westen. Wir werden am Ende der Reise des Öfteren über Aufteilung und Ausrichtung unserer Routenplanung diskutiert haben: Für uns war die gewählte Route perfekt, was aber im Speziellen an Rahmenbedingungen wie Zeitraum und Wetterlage lag.





Zu Beginn der 1. Etappe bringt der Weg den Wanderer entlang eines wirklichen Höhenweges mit ordentlichen Abhängen auf der linken Seite sowie über verschiedene Traversen am Vorderhang. Man läuft durch ein sprichwörtliches Ziegenklo; die Damen und Herren scheinen hier öfters Zeit zu verbringen. Bergziegen wissen scheinbar, was ein guter Ausblick ist. Wir genehmigen uns direkt morgens einen Cappuchino an der Leiteralm. Der Weg führt uns weiter über Waldstiege und Steintreppen, vorerst leicht wellig stets bergauf. Später passieren wir eine lange Hängebrücke (Achtung Insider... und fragen uns, wie unser lieber Volker hier drüber gekommen sein mag). Nebel zieht auf.


  






Gegen Mittag erreichen wir mit dem wundervollen Hochganghaus den höchsten Punkt der Etappe, wo wir uns eine Gulaschsuppe bzw. Bratkartoffeln mit Ei gönnen. Ein herrlicher Blick hoch in die Berge lädt zum Verweilen ein, nach einigen Minuten des Staunens beginnt es zu Schneien. 









Die Wanderung führt uns später vorbei an zwei weiteren bewirtschafteten Almen; diese Dichte wird auf dem Rest der Tour nicht gehalten werden können. Die Tabland Alm wird dabei nur zum Austreten missbraucht, bei Nasereit verbringen wir eine Rast mit einer Zwischenmahlzeit aus dem Rucksack.





Wir entscheiden uns, kurz zu unseren Ungunsten von der 24er Route abzuweichen und einen Schlenker über die Partschinser Wasserfälle einzubauen. Dieser Beschluss sollte uns einiges an zusätzlichen Höhenmetern bescheren. Der Eindruck unten am Wasserfall war im Gegenzug eher bescheiden, was jedoch der Jahreszeit geschuldet sein mag: Aktuell führt er schlicht zu wenig Wasser. Abschließend kämpfen wir uns die verlorene Höhe wieder zurück hoch zum Giggelberg; es regnet mittlerweile leicht.




Der erst volle Tag brachte uns verträumte Waldwege und viel Abwechslungsreichtum. Im Allgemeinen wird das Wort abwechslungsreich noch des Öfteren fallen, der Weg ist eine Reise durch verschiedene Welten.

Der Gasthof Giggelberg, der der am besten besuchte Hof der Woche bleiben wird, stellt sich als eine gute Wahl heraus: Ordentliches Essen, nette Bedienung und ein sehr uriges Doppelzimmer komplett aus Holz mit eigener Dusche und WC. Luxuswandern.


Etappe 2: Giggelberg nach Katharinaberg (Montag, 10.10.2016)


GPS Statistik: 18,4 km / 4:45 min
GPS Statistik: 1010 hm

Der morgendliche Blick aus dem Fenster liefert eine in der Form nicht erwartete Aussage: Es liegt Schnee und zwar nicht zu wenig. Selbst hier auf weniger als 1600 hm hat es ordentlich runter gehauen. Nun gut, der anfängliche Unmut über Kälte und Glätte verfliegt relativ schnell: Wir laufen direkt zu Beginn durch die sehenswerte 1000 Stufen Schlucht (eigentlich sind es 987 Stufen). Hier treffen wir die größte Gruppe, die zur selben Zeit ebenfalls auf dem Rundweg unterwegs ist: 13 Wanderer (inkl. 3 Kindern) haben sich den Weg in die andere Richtung vorgenommen. Wir werden im Späteren noch von der Gruppe berichten. Grundsätzlich schätzen wir, dass in der Woche, in der wir laufen, deutlich weniger als 50 Personen ebenfalls den gesamten Rundweg angehen. Wir haben somit die gewünschte Ruhe, teilweise trifft man stundenlang keinen Menschen.







  




Gegen Mittag reißt der Himmel auf: Wir genießen eines der kulinarisch besten Speisenangebote in dieser Woche - verschiedene gewiefte Knödel (ein Mal Kürbis mit Minze und ein Mal Buchweizen mit Kalbsragout) und Kürbissuppe - in der Sonne im Linthof. Hier treffen wir einige Tagesausflügler, die die gute Infrastruktur aus dem Tal hoch zum Linthof nutzen und teilweise mit Autos bzw. Bus anreisen.



Am Nachmittag drehen wir nach Norden ein, erhaschen dabei einen Draufblick auf eines der Schlösser des Herrn Messner und stoßen wieder in schneefreie Regionen vor. Der verwunschene Ort Katharinaberg mit seiner charakteristischen Lage und dem hervorstechenden Kirchturm ist unser Tagesziel.











Nach dem "Einchecken" im Katharinabergerhof wird die Kirche und der kompakte Rest des Ortes unter Augenschein genommen. Alles wirkt ein wenig eigen, bergvölkisch und schroff, trotzdem sehr gemütlich und sympathisch. Die Unterkunft ist ein Traum: Für Tina ist der 70er Jahre Einrichtungsstil ein Alb-Traum, die Betreuung und Bewirtung ist hingegen ein Super-Traum. Unterkunft und Wirt entpuppen sich als Glücksgriff. Wir sind die einzigen Gäste, bekommen tolles Essen wie bei Großeltern und haben nette Gespräche mit dem Chef (im Rentneralter), der sich schon auf seinen Urlaub im November freut, wenn er endlich "in seine Berge kann". Das Wetter - so seine Aussage - soll dafür sogar noch taugen. Der Chef spricht uns auf "seine" 13 Gäste an, die wir heute hätten treffen müssen. Ja, passt, haben wir gesehen. Sie wollen den Weg in 7 Tagen anders herum laufen. Drücken wir ihnen die Daumen.

Etappe 2 wird als entspannter Trail durch viele schöne Höfe, als einfach zu laufen dank der vielen Wald- und Wirtschaftswege und mit der schönen Sicht über die zwei Täler in Erinnerung bleiben.


Etappe 3: Katharinaberg nach Eishof (Dienstag, 11.10.2016)


GPS Statistik: 15,4 km / 3:54 h
GPS Statistik: 1342 hm

Die morgendliche Betreuung im Katharinaberghof knüpft direkt an den Schmaus des Abendessens an. Es wird Joghurt, Ei, Orangensaft und Obst angeboten. Der Aufstieg ins Pfossental beginnt anschließend entlang der Ostflanke des Schnalstals mit tollem - dem bisher schönsten - Ausblick nach Süden. Der Ort Katharinaberg ist wahrlich ein schönes Fleckchen auf Erden und sicher ein toller Ausgangspunkt für die eine oder andere Tagestour in Südtirol.




Wir gehen entlang des tollen Montferthofes, der mit Urlaub auf dem Bauernhof wirbt und von dessen Charme uns im Späteren noch Wanderer berichten werden (hier wird wohl seit 200 Jahren an zwei Samstagen im Jahr nach alter Tradition in der Stube Brot gebacken) und biegen nicht allzu viel später schon nach Osten ins Pfossental ein. Beim Voderkaser kehren wir im Gasthof Jägerrast für eine Nudelsuppe ein, halten uns aber gar nicht zu lang auf, da wir im hinteren Teil des Tals noch die Stimmung bei Tageslicht aufnehmen wollen. Ein Fahrweg bringt uns vorbei an zwei weiteren Almen in weniger als 2 Stunden bis zum Eishof. Der erste Blick auf Hochwilde und Hochweise, die beiden 3000er, die wir am Eisjöchl durchschreiten werden, öffnet sich. Sieht beeindruckend aus, die Bedingungen scheinen nicht zu einfach zu werden morgen.





Bei Ankunft am Eishof beginnt es erneut zu Schneien. Für den Tag des Aufstiegs zur Stettiner Hütte ist bestes Wetter vorhergesagt; wir bleiben optimistisch und genießen den Winter bei einer Schneeballschlacht und Poser-Fotos, bevor wir uns bei Kaffee und Apfelstrudel in der Stube aufwärmen. Es sind noch vier weitere Gäste oben: Eine Mutter-Tochter- sowie eine Vater-Tochter-Kombination. Erstere hatte heute versucht bis zum Eisjöchl vorzustoßen, mangels Spur, Sicht (und vielleicht auch Motivation) jedoch abgebrochen. Vater und Tochter haben wir auf dem Weg hoch ins Pfossental überholt, sie werden uns morgen nachsetzen (und es in unserer Spur hoffentlich auch über das Joch schaffen). Nebst den am Hof noch bis Ende des Monats wohnenden und arbeitenden Menschen sowie den Gästen treiben sich eine ganze Menge Pferde, 4 Hunde und mindestens 2 Kaninchen rund um den Hof.






Bis zum Abendessen spielen wir alles, was verfügbar ist und trinken dazu Forst Bier. Nach Lammbraten und Käseplatte und selbst gebranntem Anisschnaps geht das Licht halb neun Uhr so früh aus wie an keinem anderen Tag; wir wollen gewappnet sein für die Königsetappe. (Dazu muss man sagen, dass die anderen vier schon halb acht ins Bett gegangen sind.) Wir öffnen das Fenster, lassen die Vorhänge auf, um Sterne und Mond beim Aufgehen zur beobachten und kuscheln uns unter zwei Decken. Es wird eine der gemütlichsten Nächte bei weniger als -5°C werden, wir sind wieder nur zu zweit in einem 7-Bett-Zimmer. Der Tag mit seinen stetig bergauf gerichteten, aber entspannten Wegen, dem bis dato schönsten Ausblick der gesamten Tour direkt zu Beginn über Katharinaberg und der tollen Stimmung im Pfossental wird in Erinnerung bleiben.


Etappe 4: Eishof nach Pfelders (Mittwoch, 12.10.2016)


GPS Statistik: 21,1 km / 6:17 h
GPS Statistik: 1435 hm

Auf den Wetterbericht ist Verlass: Wir wachen noch vor sechs Uhr bei sternenklarem Himmel auf. Schnell ein paar Fotos vom Balkon hoch in Richtung des Anstiegs schießen, Waschen (ürbrigens: wir haben nie wirklich nach Wanderern gerochen, man konnte überall perfekt mit warmem Wasser duschen), Anziehen, Packen, Frühstücken, noch einmal mit dem Wirt über die Route austauschen und noch vor acht Uhr aufbrechen.





Die ersten Meter verlaufen in Eiseskälte. Im Schatten der Berge sind gefühlte -10 bis -15°C, das Nasenwasser gefriert, wir pflegen die Schleimhäute mit Nasencreme. Um Frieren zu Vermeiden legen wir einen straffen Schritt an. Am Ende des Fahrwegs passieren wir zwei unter Wolldecken im Tarnlook liegenden Jäger, die den Nordhang im Blick haben. Sie werden bis zur Lazins Alm auf der anderen Seite des Rückens die einzigen Menschen sein, die wir treffen. Am Ende des Fahrwegs verlässt uns auch das Geräusch des Flusses. Es ist jetzt mucksmäuschenstill.






Mit stetem Blick aufs GPS arbeiten wir uns entlang der wenigen Spuren. Am Abzweig zur Lodnerhütte endet der Pfad: Weiter hat es scheinbar seit Beginn der Woche keiner geschafft, runtergekommen scheint somit auch keiner zu sein. Der Schnee wird tiefer, durch knöchel- bis knietiefen weißen Puder arbeiten wir uns mühsam Schritt für Schritt nach oben. Wir haben noch knapp 1,5 Stunden vor uns, als uns die Sonne begrüßt. Das wärmt, gibt Kraft und natürlich auch ein wenig Hoffnung: Während an einem Schlechtwettertag neben der Physis auch der Kopf gefragt ist, haben wir bei der Wetterlage zumindest kein Motivationsproblem.






Aus Versehen versenke ich die Kamera im Tiefschnee, nun habe ich beim Fotografieren nicht nur entweder mit kalten, klammen Fingern oder den dicken Handschuhen sondern auch mit Nässe auf Gerät und Linse zu kämpfen. Ich unterstreiche meinen Respekt vor professionellen Dokumentationen aus noch weitaus unwirtlicheren Gegenden wie beispielsweise dem Himalaya und konzentriere mich weiter auf den Weg; das GPS hilft hier ungemein.

Ein wilder Bock gesellt sich als einziger Companion für eine halbe Minute zu uns. Er sieht von der Nordflanke oberhalb auf uns herab und verlässt uns unmittelbar wieder. Nach einer Weile des wahrlich kraftraubenden Wegsuchens und -legens erreichen wir den letzten Anstieg zum Eisjöchl. Die Kletterpartie hochwärts kostet Kraft und vollen Körpereinsatz, im Schnee bleibt so gut wie kein Halt und der ordinäre Weg ist nicht begehbar. Oben halten wir es nur eine Minute aus, nicht einmal ein Foto schießen wir. Gamaschen wären heute Pflicht gewesen, wir haben jedoch keine dabei. Diszipliniert versuchen wir, den Schuhschaft möglichst frei von Schnee zu halten. Der Abstieg beginnt ebenfalls mit einer sehr steilen Passage, die wir als Rutschpartie mit Ganzkörperschneetauchgang beenden. Wir nehmen Fahrt auf runter zum aktuellen Provisorium der Stettiner Hütte und stellen fest: Dies hier oben ist definitiv die neue beste Aussicht des Meraner Höhenwegs.



Unterhalb der Hütte beschleunigen wir noch einmal durch: Der Abstieg in bis zu kniehohem Schnee macht ordentlich Laune; jetzt Schneeschuhe an und der Spaßfaktor wäre noch einmal höher. Bis an den Fuß des Hochtals auf 2500 hm benötigen wir keine Stunde. Hier trennt sich der Weg zur Zwickauer Hütte ab; wir rasten kurz und folgen der 4-Stunden-Tour gedanklich. Da hinten liegt sie, sicher war hier auch schon längere Zeit niemand mehr.




Der finale Abstieg bis ins Pfelderer Tal zieht sich wie Kaugummi: Die steile, scheinbar kurze Sichtstrecke zur Lazins Alm täuscht über die Vielzahl von Serpentinen und die daraus resultierende Laufstrecke hinweg. Dazu kommt, dass der Weg durch eine Baustelle mit zwei (aktuell vereisten) Überhängen ohne Sicherungsmöglichkeit und zwei Querungen aufgrund eines Schneeabgangs noch einmal alle Konzentration und viele Kräfte benötigt.

Das späte Mittagessen in Form der etablierten Nudelsuppe auf der Lazins Alm lässt die Anstrengung vergessen. Wir sind stolz, die Strecke bewältigt und die Herausforderung gemeistert zu haben; wir drücken aber vor allem den Nachkommenden die Daumen, dass sie an sich glauben: Wenn man es in dieser Woche wechselhaften Wetters schaffen kann, dann heute. Entgegen kam uns übrigens niemand. Bei diesen Bedingungen scheint sich den langen Aufstieg von Zeppichl oder Pfelders keiner vornehmen zu wollen.

Die letzten Meter bis Pfelders genießen wir, schauen kurz beim Elektrofischen zu und rekapitulieren ein ums andere Mal die verschiedenen Schwierigkeiten der Tour: Im Nachgang war alles - wie immer - halb so wild.



Nach dem Motto "Wer Großes leistet, darf sich auch mal was gönnen", residieren wir heute Nacht im 4-Sterne-Hotel Pfelderer Hof: Nach ausgiebigem Saunieren lehnen wir das 5-Gang-Menü dankend ab und begnügen uns mit Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Passenderweise werden wir von einem der Pächter der Stettiner Hütte bedient: Er will erst einiges über unsere Tagestour wissen, bevor er uns von seinem Sommerjob, der Hütte, der Lawine 2014, dem folgenden Abbau und dem Provisorium ("Deutlich weniger Besucher aufgrund der fehlenden Betten.") sowie der Neuprojektierung ("Alles wird anders.") berichtet. Er zeigt uns ein privat erstelltes Buch, welches die letzten zwei Jahre dokumentiert.





Der definitiv anstrengendste Teil des Rundwegs, unabhängig davon, ob die Bedingungen sommerlich oder winterlich sind, ist beendet. Daran werden wir noch länger zurückdenken.


Etappe 5: Pfelders nach St. Martin (Donnerstag, 13.10.2016)

GPS Statistik: 22,1 km / 4:48 h
GPS Statistik: 1395 hm

Nach einem eines Wanderkönigs würdigen Frühstück starten wir parallel des Flusslaufs entlang des Pfelderer Tals mit dem Abstieg. Der gesamte Abschnitt ist dem weiteren Absteigen gewidmet; unter anderem laufen wir eine Weile entlang einer Rodelbahn.





Nach einigen Stunden auf Tour treffen wir die 13 Wanderer aus der 1000 Stufen Schlucht wieder. Wir berichten ihnen von ihrem Wirt, unserer Tour und tauschen uns kurz über die kommenden Passagen aus. Für ihre für morgen geplante Etappe über das Eisjöchl wollen sie sich in ihrer Unterkunft in Pfelders beraten lassen; wir denken, dass sie es aufgrund des Wetters wohl leider nicht laufen können werden. Wir passieren viele Wälder. Aufgrund der breiten Wege können wir fast immer nebeneinander laufen und tauschen uns über das bisher Erlebte aus.








Den gesamten Tag über kommen wir an keiner offenen Einkehrmöglichkeit vorbei, deshalb teilen wir unsere rare Wanderesmahlzeit (bereitete Brote, Nüsse und Äpfel) mit zwei Pferden, die uns zumindest das Gehäuse unseres Obstes abspenstig machen.





Heute sind grundsätzlich viele Tiere auf der Strecke: Kühe, Ziegen, Katzen, Hunde, Schafe, Gänse, Enten, Vögel und viele mehr. Fast die komplette Strecke verlief auf Fahrwegen und wir durchquerten einige tolle private Höfe. Alles in allem ist Etappe 5 exakt die richtige Erholung nach dem alpinen Anteil gestern. 

Wir beenden den entspannten Marsch am Krusterhof, einer gemütlichen kleinen, familiär geführten Unterkunft mit eigenen Bio Produkten im Angebot. Beim Abendessen werden wir mit zwei Ärzten aus Tübingen an einen Tisch verfrachtet und erfahren, dass die beiden nur dank unserer Spur am Mittwochnachmittag als Person 5 und 6 über das Eisjöchl gekommen sind: Sie hatten die gutgelaunte Vater-Tochter-Kombi in der Lazins Alm getroffen, sie hatten es also auch geschafft. Nach einer Flasche Wein und einem Hausgebrannten beenden wir Tag 5.


Etappe 6: St. Martin nach Hochmut Talstation (Freitag, 14.10.2016)

GPS Statistik: 23,2 km / 4:47 h
GPS Statistik: 1959 hm

Aufgrund des für heute angekündigten, andauernden und ergiebigen Regens entschließen wir uns noch früh am Morgen, die letzt Unterkunft zu stornieren, direkt zum Auto abzusteigen und noch abends die Rückfahrt anzutreten. Mit den Erfahrungswerten aus der Anreise (1 bis 2 Stunden Stau) und unserer Performance auf der Marschstrecke (4 bis 5 km/h) sollte das ohne Stress leistbar sein.

Wir beginnen die letzte Etappe entlang eines süßen kleinen Bergbachs direkt mit 450 hm am Stück bergauf, die in der Summe zweitlängste Etappe wird sich als sehr wellig mit vielen knackigen An- und Abstiegen herausstellen, allen voran aber landschaftlich noch einmal ungeahnte Schönheit offenbaren: Wir erleben wieder viele Waldwegpassagen mit wundervoll verträumten Stimmungen dank Nebel und Regen, queren mehrere tolle wilde Schluchten und begegnen aufgrund des Wetters Unmengen von Salamandern auf den Wegen. Der Blick durch das Passeiertal gen Süden endet im Nebelmeer über Meran.









Bereits um 13:00 Uhr schließen wir den Kreis an der Talstation Hochmut und beenden somit unseren Meraner Höhenweg. Nach dem Umziehen am Auto schließen wir die Woche mit einem Mittagessen direkt im Restaurant Seilbahn ab, welches sich als erstaunlich gut herausstellt. 



Wir sind zufrieden, glücklich, entschleunigt und entspannt, werden aber sicher noch einige Tage brauchen, um alle Eindrücke auch geistig nachbereitet zu haben.


Fazit Meraner Höhenweg im Herbst:

GPS Statistik: 105 km / 32:48 h
GPS Statistik: 9275 hm


  • Wir hatten durchweg tolle Unterkünfte.
  • Die Strecke ist super zu laufen.
  • Man muss nicht besonders fit sein, um die Runde bewältigen zu können.
  • Für uns wären 25 bis 50 % längere Tagesetappen ohne große Anstrengung möglich gewesen.
  • Die 6 Tage erscheinen jedoch optimal für Genusswanderer. 
  • Die Gesamtstrecke von etwas mehr als 100 km stellt bei guter Ausrüstung überhaupt kein Problem dar. 
  • Kennzeichnendes Merkmal der Runde ist ihr Abwechslungsreichtum: Von Wäldern über Almen bis hin zu Hochtälern und Graten, es wird euch in dieser Woche nicht langweilig werden. 
  • Die Planung sollte abhängig von der Wetterlage erstellt werden; nicht bei allen Bedingungen ist der Aufstieg auf die Stettiner Hütte zu empfehlen.


Anbei für interessierte Wanderer die GPX Tracks der 6(+1) Etappen zum Download:

Etappe 0 (Hochmut Talstation nach Talbaur)
Etappe 1 (Talbaur nach Giggelberg)
Etappe 2 (Giggelberg nach Katharinaberg)
Etappe 3 (Katharinaberg nach Eishof)
Etappe 4 (Eishof nach Pfelders)
Etappe 5 (Pfelders nach St. Martin)
Etappe 6 (St. Martin nach Hochmut Talstation)


Sollten Fragen zu Gepäck, Ausrüstung, Fotos etc. bestehen, hinterlasst gern einen Kommentar unterhalb dieses Beitrags.

Viele Grüße,
Tina und Alex